18. September 2013

[ 9/2013 ]

Das war bereits letztes Frühjahr. Ich saß in der Straßenbahn Richtung Schottentor.
Nun – in den Öffis bekommt man ja bekanntlich Gespräche aller Art zu hören, Dialoge, Monologe, Telefonate, gelebte Streitkultur.  Jener Dialog aber stellte alles bisher Gehörte in den Schatten – und zwar ausnahmsweise in positiver Weise.
Da saßen zwei Schulbuam, keine zehn Jahre alt. Ich tippe auf achtjährig, vielleicht neunjährig. Sie waren in keiner Weise auffällig, in Kleidung und Gesamterscheinungsbild vollkommen durchschnittlich. Die Schultaschen am Rücken, etwas unruhig nebeneinander sitzend. Sie blickten sich während ihres ununterbrochenen Gespräches wiederholt ins Gesicht, direkt, lauernd. Zwischendurch blitzte ein diebisches Grinsen in ihren Gesichtern auf, denn sie beobachteten sich gegenseitig genau, sie hingen einander an den Lippen.
Sie taten etwas Großartiges: sie führten einen absurden Dialog. Sie erblödelten einen Dialog.
„Buff.“ – „Boff.“ – „Buff Buff.“ – „Boff Boff Boff.“ – „Ich verstehe.“ – „Ich versteh dich nicht.“ – „Ja.“ – „Nein, du hast nein gesagt!“ – „Haha.“ – „Haha, huhu.“ – „Ich glaub, du spinnst.“ – „Sag mal ‚ja‘.“ – „Nein.“ – „Bitte, sag mal einfach ‚ja‘.“ – „Nein.“ – „Also nein?“ – „Ja.“ – „Da haben wir’s.“ – „Was?“ – „Du Pik Pak Pok.“ – „Selber Pik Pak Pok.“ – „So geht das nicht.“ – „Jau jau.“ – „Hör mir mal zu.“ – „Jau.“ – „Hörst du mir zu?“ – „Nau.“ – „Blau Blau, Bla Bla.“ – „Du sagst immer nur Bla Bla.“ – „Nein, du verstehst mich nicht.“ – „PIK PIK PIK!“ – „Selber Pok.“ –
– und in dieser Tonart ging es mehrere Stationen lang.
Ernst Jandl hätte seine helle Freude mit den zwei Wortjongleuren gehabt. Es war phänomenal. Ich war von einer Sekunde auf die nächste hoch gespannt, was den beiden Zwergen als nächstes einfallen würde. Die Art, ihren eigenen Dialog ständig selbst zu konterkarieren, zu sinnbefreien; ihre Fähigkeit, ihr Gespräch zu einem spielerischen Sprach-Pingpong zu entwickeln, ohne dabei aber in Quengeln, Schreien oder plumpe Versuche, den anderen zu übertönen, zu verfallen, frappierte mich ob ihres unglaublich geringen Alters. Denn da war einerseits bereits diese „erwachsene“ Ernsthaftigkeit, ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung und ein klar erkennbarer gegenseitiger Respekt, welcher die Basis ihrer pointierten Blödelei bildete, andererseits eben diese kindhafte Unbeschwertheit, mit der sie ein solch ungehemmtes Geplapper einfach aus sich heraussprudeln lassen konnten – ohne dabei nennenswerte Pausen einzulegen: sie gaben ein beträchtliches Tempo vor.

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