23. März 2016

[ 23.3.2016 ]

Als hätten die Benutzer/innen der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien in den letzten Jahren nicht schon genügend Qualitätseinbußen hinnehmen müssen…
…ist auf den Netzplänen der Wiener Linien, die an so gut wie jedem Haltestellenhäuschen in Wien zu finden sind, das Gesamt-Liniennetz (U-Bahn, S-Bahn, Bus, Straßenbahn) ab der neuen Ausgabe (März 2016) nur mehr als vereinfachte, schematische, nicht maßstabgetreue Abbildung zu sehen. Das heißt: ohne den Stadtplan Wien dahinter!
Den schematischen Netzplan bspw. des Wiener U-Bahn-Netzes kennen wir ja schon seit Jahrzehnten, der in jedem U-Bahn-Waggon direkt über jedem Ausgang erstrahlt. Nach dieser vereinfachten Darstellung jedoch das gesamte Liniennetz Wiens zu präsentieren, bedeutet massive Einbuße in der Orientierungshilfe für jede/n Öffi-Benutzer/in.
Denn es hat schon einen tieferen Sinn, Liniennetze in maßstabgetreue Karten einzuzeichnen: als Betrachter kann man hier Abstände einschätzen, Häuserblöcke zählen, bestimmte Straßen bestimmten Linien zuordnen (ja! Man musste zwar genau schauen, aber auf den alten Plänen waren die Straßennamen zu lesen!)… kurz: wofür ein Stadtplan halt im Allgemeinen so nützlich ist.
Mich ärgert das. Kein Wunder, dass im neuen „Gutscheinheft“ für Jahreskartenbesitzer ein „Gutschein“ für einen preislich um 50% ermäßigten Öffi-Netzplan enthalten ist, wenn doch der Informationswert desselben auf das schändlichste, absolut notwendige Minimum gesunken ist. (Statt 3€ nur 1,5€, oh yeah – als ob diese papiergewordene Beleidigung jedes selbständig denkenden Menschen den obszönen Betrag von 3€ wert wäre). Der neue Netzplan informiert nur mehr darüber, 1.) welche Linien es gibt, 2.) wie ihre jeweiligen Stationen heißen und 3.) bei welchen Stationen sich diese Linien kreuzen. Keine Auskunft mehr über geographische Lage und Linienverlauf, Stationsabstände, Straßenzüge und Straßennamen. Pfui Teufel! Ein Schlag ins Gesicht jedes Orientierungswilligen, jedes Orientierungsbedürftigen, der sich vielleicht sogar über den momentanen Zielort hinaus gerne nur etwas mehr Orientierung verschaffen würde! Auf so einem skelettierten, verfremdeten Plan sieht man nicht, ob eine bestimmte Station vielleicht nur einen Häuserblock von einem gewünschten Ziel entfernt ist. So zwingt man die Orientierungssuchenden noch mehr in die Abhängigkeit von ihren Wischtelefonen (und damit von Google Maps) hinein. Es ist so dumm! so unnötig! so verbrecherisch! so entmündigend! so gemein! und müsste nicht sein…

12. November 2015

[ 12.11.2015 ]

Es könnt‘ mir ja wurscht sein.
Aber dass meine künstlerische Alma Mater sich selbst ein derartigen Kollateralschaden zufügt, lässt mich halt dann doch nicht komplett kalt.

Von mir aus kann sich die Konservatorium Wien Privatuniversität natürlich gerne umbenennen.
Das Kons(ervatorium) Wien (ob zusätzlich als Privatuni ausgewiesen oder nicht) ist/war jedem ein Begriff, man wusste, wofür es steht. Allgemein bekannt war immer: die zwei dominierenden Kunstuniversitäten primär musikalischer Ausrichtung sind in Wien „die Musikuni“ (bzw. „mdw“, Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien) und „das Kons“ (siehe oben). Ob sich die (neue) Führung vom Kons mit einer Umbenennung daher überhaupt etwas Gutes tut, sei dahingestellt. Ist nicht mein Bier, wie gesagt.

Fassungslos macht mich aber die Wahl der neuen Bezeichnung:
MUK. Musik und Kunst.

Ich wiederhole: Musik und Kunst.
Gelehrt wird auf dieser Universität: Musik – und auch Kunst.

(Ich hoffe, es gab in den „sozialen“ Netzwerken schon diverse Unmutsbekundungen, ich bekomme das natürlich nicht mit; ich gehe mal davon aus.)

Wie konnte es soweit kommen?!?

Musik UND Kunst!

Das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun, bekanntlich !!!

Wenn solche hirnlose Bezeichnung einem neu eröffneten Mini-Café auf seiner Website passiert – „Wir freuen uns über allerlei Auftritte, über Darbietungen von Musik und Kunst“ – dann denkt man sich, jo mei, sowas kann schon passieren.
Aber einen an dieser Stelle (!) unfassbar peinlichen Denkfehler selbst zur neuen Bezeichnung, zum neuen ‚Label‘ einer der renommiertesten Kunstuniversitäten des Landes zu machen – hallo ?! ?!

 

H A L L O – O   ? ! ? ! ?

 

…ganz abgesehen davon, wie hanebüchen, wie unprofessionell es daherkommt, bezieht man das Bindewörtchen ‚und‘ auf diese Weise gleichberechtigt mit den Begriffen ‚Musik‘ und ‚Kunst‘ in so ein Akronym mit ein.*
Nicht einmal optisch gibt es eine Absetzung (MuK) – nein. MUK.

Wirklich – als ob es sich ein Kleinkind ausgedacht hätte. In jeder Hinsicht.

 

* Dass das WUK ebenfalls ein „und“ in seines Akronyms Mitte prominent stehen hat, finde ich ehrlich gesagt ebenso unglücklich, aber immerhin handelt es sich hier um ein Kulturzentrum, welches in erster Linie Austragungsort und Bühne für verschiedenste Kulturangebote ist. Es versteht sich jedenfalls nicht als universitär-akademische Bildungseinrichtung, für welche meines Erachtens durchaus höhere Maßstäbe bzgl. einer treffenden und repräsentativen Bezeichnung gesetzt werden können.

8. Juli 2015

[ 7/2015 ]

Es sind jene Bildschirme, die wohl schon seit etwa drei Jahren in den Niederflur-Straßenbahngarnituren Wiens immer öfter zu finden sind, die für mich das Fass zum Überlaufen bringen. Das Fass der Idiotie, der Ideologie der Berieselung, der gewalttätigen geistigen Nötigung im öffentlichen Raum.
Ohnehin immer mehr Menschen besitzen ein Smartphone, auf das sie starren, auch (oder gerade) während sie sich im öffentlichen Raum bewegen; wer braucht also diese Bildschirme in den Öffis (um es richtig (d.i. richtig genervt) auszudrücken) ?
Wer sich mit unbezahlbaren Informationen absichern möchte, wie etwa solche bezüglich Hunde-Diäten der „Promis“, verflossene/neue/zu erwartende Liebhaber/innen derselben oder dass ein asiatischer Kugelfisch das richtige Eishockey-Ergebnis für die schwerwiegende Partie Tschechien gegen Slowakei vorausgesagt hat, der kann das auf seinem Wischapparat ja ohnehin denkbar einfach tun.
Warum? Warum muss der kümmerliche Rest der Menschheit, der, in der Straßenbahn sitzend, statt alledem lieber Gedanken nachhängen, mit einer anderen Person Kontakt aufnehmen (!!) oder auch einfach nur absichtslos-meditativ in die Luft schauen möchte, durch das widerliche Bewegtbild aus seiner eigenen Welt gerissen werden, das ‚Laufbild‘, welches den menschlichen Blick wie ein Magnet an sich zieht?
Die berüchtigten „Infoscreens“ kennt der Wiener Mensch ja schon länger aus den größeren U-Bahn-Stationen Wiens: Info-Häppchen, in denen gleichrangig von humanitären Katastrophen ebenso wie von Schokohaserl-Rekorden „berichtet“ wird, gehören für ein Gros des wartenden Volkes (o welch ein Graus, die drei Minuten, die man sonst einfach nur warten müsste!!) längst zu den vertrauten Informationsquellen des Alltags. So überflüssig diese Screens sind: man hat immer noch die freie Wahl, hinzusehen oder eben nicht.
Leider kommt man hingegen in den besagten Niederflur-Straßenbahngarnituren der Kompaktausführung dieser Bildschirme besonders schwer aus. Dazu hat die Anordnung der Sitzplätze in diesen ULFs (Ultra Low Floor) bereits ihren Beitrag geleistet: abgesehen von den spärlichen (4? 5?) Einzelsitzen für gebrechliche Personen, die im Wagen stets vor einem Eingang auf der rechten Wagenseite angebracht sind sowie den gegenüber seitwärts montierten Einzelsitzen, sind alle anderen Sitze einer ganzen Garnitur in Fahrtrichtung montiert. Das hat selbstverständlich nicht nur Symbolkraft („wir schauen alle nach vor, wir blicken alle in dieselbe Richtung, nur die gebrechlichen Alten dürfen meinetwegen den Blick zurück haben“), es lässt dem Fahrgast auch kaum eine andere Wahl, als mit seinem gesamten Körper natürlich auch seinen Blick in Fahrtrichtung zu positionieren. Es braucht viel Willen und Widerstandskraft, unter solchen Umständen dann zwar (notgedrungen) in Fahrtrichtung zu sitzen, dabei aber dem unablässigen Reiz des Bewegtbildes direkt vor den eigenen Augen zu widerstehen. Widerstehen, ja, denn man kann sicher sein: es ist nichts als redundanter Dreck, der hier gebieterisch volle Aufmerksamkeit verlangt. Dreck, wie er…na, wie er in keinem Buche steht.
Das Pro-Argument, Schwerhörige hätten sonst keine Information über die nächste Haltestelle, zieht nicht. Dazu gibt es schon – seit dem gesamten Niederflur-Zeitalter – die extra im Wagendach eingelassenen Leuchtschrift-Anzeigen, die neben dem Stationsnamen auch anzeigen, ob der „Wagen hält“ oder nicht.
Tja. Für wie viele Tätigkeiten hatten eben diese Minuten des Transportiertwerdens dem Öffi fahrenden Menschen doch bisher gedient. Wie wertvoll waren diese unerwartet beschäftigungslosen Momente, oft mitten im Ablauf von Arbeitstagen. Man hat vielleicht ein bisschen in einem Buch gelesen, eine Entscheidung im Kopf etwas weiter gewälzt, sich aber auch absichtslosen Gedanken, der eigenen Fantasie (!) hingegeben oder – als möglicherweise vielbeschäftigter Mensch – einfach auch nur das Schweigen und das kurzzeitige Ausbleiben äußerer Reize genossen. Sogar ein bisschen einnicken konnte man, war die zu fahrende Strecke nur lang genug.
Wer all diese (Entscheidungs-/Handlungs-)Freiheiten der beschwichtigend-humorigen Feststellung opfert, es sei „doch ganz witzig“ zu wissen, wie viele Dominosteine es brauche, um einen Flugzeughangar zu füllen, oder andere, ähnliche „Denksport“-Aufgaben gerne als täglichen geistigen Stimulans von den gepriesenen Infoscreens gestellt bekommt, möge sich einmal Gedanken machen, wozu er/sie auf der Welt ist. Und wofür es sich wirklich lohnt, zu leben.
Fällt irgendwo auch unter „Denksport“.

p.s.
Nicht, dass man glauben möge, ich sudere hier nur so vor mich hin. Bereits in der Anfangsphase dieser Screens habe ich den Wiener Linien meinen Unmut mitgeteilt. Die Reaktion darauf fiel aus wie folgt:

Wir bedauern, dass Sie mit den Monitoren in unseren Straßenbahnen nicht zufrieden sind. Die Infoscreen-Monitore werden mit dem Ziel in den Fahrzeugen installiert, einerseits unsere Fahrgäste mit einem interessanten Infotainmentprogramm und andererseits mit allen fahrgastrelevanten Daten (die nächsten Haltestellen, Umsteigepunkte, Echtzeitinformationen zu den Anschlüssen) zu versorgen.“

Was in diesem Zusammenhang der relevante Unterschied zwischen „Haltestellen“ und „Umsteigepunkte“ ist, bleibt unklar. Nach dem Motto: ein Wort mehr, ein Grund mehr. Die angepriesenen Echtzeitinformationen werden übrigens bis heute nicht angezeigt.
Und was ich von einem Vokabel wie „Infotainment“ halte, spottet jeder Beschreibung.
Dieser Begriff – soviel lässt sich jedenfalls ganz nüchtern feststellen – steht symptomatisch für eine der schwerwiegendsten Fehlentwicklungen unserer Medienwelt: die Annahme, Information müsse im spaßigen Zuckermäntelchen der Unterhaltung an die Leserschaft gebracht werden. Klar, dass dies eine infantile Emotionalisierung der Medienkonsumenten bewirkt, welche irgendwann nur mehr stupid-sabberndes Wohlgefühl einerseits und bodenlose Panik andererseits als Gemütszustände kennen werden.

18. September 2013

[ 9/2013 ]

Das war bereits letztes Frühjahr. Ich saß in der Straßenbahn Richtung Schottentor.
Nun – in den Öffis bekommt man ja bekanntlich Gespräche aller Art zu hören, Dialoge, Monologe, Telefonate, gelebte Streitkultur.  Jener Dialog aber stellte alles bisher Gehörte in den Schatten – und zwar ausnahmsweise in positiver Weise.
Da saßen zwei Schulbuam, keine zehn Jahre alt. Ich tippe auf achtjährig, vielleicht neunjährig. Sie waren in keiner Weise auffällig, in Kleidung und Gesamterscheinungsbild vollkommen durchschnittlich. Die Schultaschen am Rücken, etwas unruhig nebeneinander sitzend. Sie blickten sich während ihres ununterbrochenen Gespräches wiederholt ins Gesicht, direkt, lauernd. Zwischendurch blitzte ein diebisches Grinsen in ihren Gesichtern auf, denn sie beobachteten sich gegenseitig genau, sie hingen einander an den Lippen.
Sie taten etwas Großartiges: sie führten einen absurden Dialog. Sie erblödelten einen Dialog.
„Buff.“ – „Boff.“ – „Buff Buff.“ – „Boff Boff Boff.“ – „Ich verstehe.“ – „Ich versteh dich nicht.“ – „Ja.“ – „Nein, du hast nein gesagt!“ – „Haha.“ – „Haha, huhu.“ – „Ich glaub, du spinnst.“ – „Sag mal ‚ja‘.“ – „Nein.“ – „Bitte, sag mal einfach ‚ja‘.“ – „Nein.“ – „Also nein?“ – „Ja.“ – „Da haben wir’s.“ – „Was?“ – „Du Pik Pak Pok.“ – „Selber Pik Pak Pok.“ – „So geht das nicht.“ – „Jau jau.“ – „Hör mir mal zu.“ – „Jau.“ – „Hörst du mir zu?“ – „Nau.“ – „Blau Blau, Bla Bla.“ – „Du sagst immer nur Bla Bla.“ – „Nein, du verstehst mich nicht.“ – „PIK PIK PIK!“ – „Selber Pok.“ –
– und in dieser Tonart ging es mehrere Stationen lang.
Ernst Jandl hätte seine helle Freude mit den zwei Wortjongleuren gehabt. Es war phänomenal. Ich war von einer Sekunde auf die nächste hoch gespannt, was den beiden Zwergen als nächstes einfallen würde. Die Art, ihren eigenen Dialog ständig selbst zu konterkarieren, zu sinnbefreien; ihre Fähigkeit, ihr Gespräch zu einem spielerischen Sprach-Pingpong zu entwickeln, ohne dabei aber in Quengeln, Schreien oder plumpe Versuche, den anderen zu übertönen, zu verfallen, frappierte mich ob ihres unglaublich geringen Alters. Denn da war einerseits bereits diese „erwachsene“ Ernsthaftigkeit, ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung und ein klar erkennbarer gegenseitiger Respekt, welcher die Basis ihrer pointierten Blödelei bildete, andererseits eben diese kindhafte Unbeschwertheit, mit der sie ein solch ungehemmtes Geplapper einfach aus sich heraussprudeln lassen konnten – ohne dabei nennenswerte Pausen einzulegen: sie gaben ein beträchtliches Tempo vor.

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4. August 2013

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