8. Juli 2015

[ 7/2015 ]

Es sind jene Bildschirme, die wohl schon seit etwa drei Jahren in den Niederflur-Straßenbahngarnituren Wiens immer öfter zu finden sind, die für mich das Fass zum Überlaufen bringen. Das Fass der Idiotie, der Ideologie der Berieselung, der gewalttätigen geistigen Nötigung im öffentlichen Raum.
Ohnehin immer mehr Menschen besitzen ein Smartphone, auf das sie starren, auch (oder gerade) während sie sich im öffentlichen Raum bewegen; wer braucht also diese Bildschirme in den Öffis (um es richtig (d.i. richtig genervt) auszudrücken) ?
Wer sich mit unbezahlbaren Informationen absichern möchte, wie etwa solche bezüglich Hunde-Diäten der „Promis“, verflossene/neue/zu erwartende Liebhaber/innen derselben oder dass ein asiatischer Kugelfisch das richtige Eishockey-Ergebnis für die schwerwiegende Partie Tschechien gegen Slowakei vorausgesagt hat, der kann das auf seinem Wischapparat ja ohnehin denkbar einfach tun.
Warum? Warum muss der kümmerliche Rest der Menschheit, der, in der Straßenbahn sitzend, statt alledem lieber Gedanken nachhängen, mit einer anderen Person Kontakt aufnehmen (!!) oder auch einfach nur absichtslos-meditativ in die Luft schauen möchte, durch das widerliche Bewegtbild aus seiner eigenen Welt gerissen werden, das ‚Laufbild‘, welches den menschlichen Blick wie ein Magnet an sich zieht?
Die berüchtigten „Infoscreens“ kennt der Wiener Mensch ja schon länger aus den größeren U-Bahn-Stationen Wiens: Info-Häppchen, in denen gleichrangig von humanitären Katastrophen ebenso wie von Schokohaserl-Rekorden „berichtet“ wird, gehören für ein Gros des wartenden Volkes (o welch ein Graus, die drei Minuten, die man sonst einfach nur warten müsste!!) längst zu den vertrauten Informationsquellen des Alltags. So überflüssig diese Screens sind: man hat immer noch die freie Wahl, hinzusehen oder eben nicht.
Leider kommt man hingegen in den besagten Niederflur-Straßenbahngarnituren der Kompaktausführung dieser Bildschirme besonders schwer aus. Dazu hat die Anordnung der Sitzplätze in diesen ULFs (Ultra Low Floor) bereits ihren Beitrag geleistet: abgesehen von den spärlichen (4? 5?) Einzelsitzen für gebrechliche Personen, die im Wagen stets vor einem Eingang auf der rechten Wagenseite angebracht sind sowie den gegenüber seitwärts montierten Einzelsitzen, sind alle anderen Sitze einer ganzen Garnitur in Fahrtrichtung montiert. Das hat selbstverständlich nicht nur Symbolkraft („wir schauen alle nach vor, wir blicken alle in dieselbe Richtung, nur die gebrechlichen Alten dürfen meinetwegen den Blick zurück haben“), es lässt dem Fahrgast auch kaum eine andere Wahl, als mit seinem gesamten Körper natürlich auch seinen Blick in Fahrtrichtung zu positionieren. Es braucht viel Willen und Widerstandskraft, unter solchen Umständen dann zwar (notgedrungen) in Fahrtrichtung zu sitzen, dabei aber dem unablässigen Reiz des Bewegtbildes direkt vor den eigenen Augen zu widerstehen. Widerstehen, ja, denn man kann sicher sein: es ist nichts als redundanter Dreck, der hier gebieterisch volle Aufmerksamkeit verlangt. Dreck, wie er…na, wie er in keinem Buche steht.
Das Pro-Argument, Schwerhörige hätten sonst keine Information über die nächste Haltestelle, zieht nicht. Dazu gibt es schon – seit dem gesamten Niederflur-Zeitalter – die extra im Wagendach eingelassenen Leuchtschrift-Anzeigen, die neben dem Stationsnamen auch anzeigen, ob der „Wagen hält“ oder nicht.
Tja. Für wie viele Tätigkeiten hatten eben diese Minuten des Transportiertwerdens dem Öffi fahrenden Menschen doch bisher gedient. Wie wertvoll waren diese unerwartet beschäftigungslosen Momente, oft mitten im Ablauf von Arbeitstagen. Man hat vielleicht ein bisschen in einem Buch gelesen, eine Entscheidung im Kopf etwas weiter gewälzt, sich aber auch absichtslosen Gedanken, der eigenen Fantasie (!) hingegeben oder – als möglicherweise vielbeschäftigter Mensch – einfach auch nur das Schweigen und das kurzzeitige Ausbleiben äußerer Reize genossen. Sogar ein bisschen einnicken konnte man, war die zu fahrende Strecke nur lang genug.
Wer all diese (Entscheidungs-/Handlungs-)Freiheiten der beschwichtigend-humorigen Feststellung opfert, es sei „doch ganz witzig“ zu wissen, wie viele Dominosteine es brauche, um einen Flugzeughangar zu füllen, oder andere, ähnliche „Denksport“-Aufgaben gerne als täglichen geistigen Stimulans von den gepriesenen Infoscreens gestellt bekommt, möge sich einmal Gedanken machen, wozu er/sie auf der Welt ist. Und wofür es sich wirklich lohnt, zu leben.
Fällt irgendwo auch unter „Denksport“.

p.s.
Nicht, dass man glauben möge, ich sudere hier nur so vor mich hin. Bereits in der Anfangsphase dieser Screens habe ich den Wiener Linien meinen Unmut mitgeteilt. Die Reaktion darauf fiel aus wie folgt:

Wir bedauern, dass Sie mit den Monitoren in unseren Straßenbahnen nicht zufrieden sind. Die Infoscreen-Monitore werden mit dem Ziel in den Fahrzeugen installiert, einerseits unsere Fahrgäste mit einem interessanten Infotainmentprogramm und andererseits mit allen fahrgastrelevanten Daten (die nächsten Haltestellen, Umsteigepunkte, Echtzeitinformationen zu den Anschlüssen) zu versorgen.“

Was in diesem Zusammenhang der relevante Unterschied zwischen „Haltestellen“ und „Umsteigepunkte“ ist, bleibt unklar. Nach dem Motto: ein Wort mehr, ein Grund mehr. Die angepriesenen Echtzeitinformationen werden übrigens bis heute nicht angezeigt.
Und was ich von einem Vokabel wie „Infotainment“ halte, spottet jeder Beschreibung.
Dieser Begriff – soviel lässt sich jedenfalls ganz nüchtern feststellen – steht symptomatisch für eine der schwerwiegendsten Fehlentwicklungen unserer Medienwelt: die Annahme, Information müsse im spaßigen Zuckermäntelchen der Unterhaltung an die Leserschaft gebracht werden. Klar, dass dies eine infantile Emotionalisierung der Medienkonsumenten bewirkt, welche irgendwann nur mehr stupid-sabberndes Wohlgefühl einerseits und bodenlose Panik andererseits als Gemütszustände kennen werden.